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Los… Die große Überfahrt – Teil 1

Es gab verschieden Optionen um nach Lignano zu kommen. Variante 1 von Andrea: “Warum fahren wir nicht einfach nonstop und direkt?” und Variante 2 vom alten Salzbuckel mit mehrtägiger Segelerfahrung – in kleinen Happen möglichst am Ufer lang. Ich bilde mir diesbezüglich auch ein bei unseren Gesprächen über den Törn irgendwann mal erwähnt zu haben, dass ich noch nie über Nacht gefahren bin. Kann mich aber täuschen.


Der Plan
Die Reise

Der erste Schlag sollte planmäßig entlang der Küste bis Höhe Ibiza und dann nach Osten rüber gehen. Den ganzen Juli hab ich also den Wind auf windy.com beobachtet. Hab sogar schon von den pulsierenden Windpfeilen geträumt. Und bin immer nervöser geworden. Die Vorhersage hat nämlich immer gleich ausgesehen: so…

Katamarane und Wharrams im besonderen haben es nicht so mit gegenanknüppeln. Da bleibt man lieber gleich in der Koje. Es musste eine Windänderung her. Kurz vor Andreas Ankunft dann endlich ein Hoffnungsschimmer. Zwei bis drei Tage mit leicht südlichen Winden. Danach wieder Sturm aus NordOst 14 Tage raus. Während wir vom Flughafen zur Marina fahren erklär ich Andrea die Situation: Entweder jetzt oder gar nicht.
Crew: “Kann ich noch einen Kaffe haben?”
Skipper: “Nein”
Crew: “Biesln gehen?”
Skipper: “Nein”
Als Kapitän muss man ein knallharter Knochen sein, hab ich aus den Hornblower Romanen gelernt.

Also Seesack an Bord geschmissen, Frau hinterher und abgelegt. Nach Ibiza sind es ca. 150 Seemeilen. Bei 5 Knoten Fahrt also ca 30 Stunden . Wir tuckern erst unter Motor (Juhu sie laufen) und dann unter Segel mit ganz leichten Winden nach Norden. Das Meer ist ruhig, die Sonne senkt sich langsam hinter den Horizont. Die ersten Sterne erscheinen wo der Himmel von rot zu blau übergeht. Andrea schaut rauf und dreht sich dann zu mir: “Schon unheimlich. Jetzt wird’s dunkel. Und man sieht überhaupt kein Land mehr. Ein bisschen mulmig so in die Nacht zu segeln. Gut das Du das schon gemacht hast, das beruhigt mich”. Ich muss Sie etwas verdutzt angesehen haben. “Hast Du doch oder?” fragt sie nervös nach. Als Skipper muss man der Fels in der Brandung sein und Zuversicht geben. Ich nehm sie in den Arm: “Ganz ruhig. Hab mal was drüber gelesen”.

Nachtfahrten sind was magisches. Wir haben sie von Anfang an geliebt. Über einem die Sterne, vor einem die See mit den Reflektionen des Mondes. Manchmal ein fernes Wetterleuchten. Die Navigationslichter anderer Schiffe am Horizont.

Nachtfahrt und kein Land weit und breit.

Wenn es recht voll ist wie in der Adria mit Bohrinseln, Fischfarmen und Fischerbooten wäre ein Radar nicht schlecht. Vor der Abfahrt hab ich noch einen AIS Transponder/Receiver eingebaut. Der gibt zumindest einen Überblick über alle Schiffe die auch so ein Gerät haben (Berufsschiffahrt und viele Yachten) und wir sind für die schnellen Fähren gut sichtbar. Schnellfähren mir 20+ Knoten sind ab Sichtung am Horizont in unter 10 Minuten querab.

Wir sind also friedlich durch unsere erste Nacht geglitten, haben ab und zu ein paar Kreise gedreht als der einschlafende Wind gedreht hat oder sind unter Motor in Richtung des nächsten Windfeldes getuckert. Ich kann schlafen wie ein Toter wenn es leicht schaukelt, die Wellen am Rumpf gluckern und Andrea oben mit dem Füßen am Steuerrad Wache schiebt.

Ursprünglich wollten wir uns die Balearen schon ein wenig ansehen, aber jedes gemütliche Verweilen hätte die Chance weiter nach Menorca im Norden zu kommen um den Sprung mit dem Mistral nach Sardinien zu schaffen wochenlang in die Ferne geschoben. Das Wetterfenster war einfach zu eng und die Zeit zu knapp. Kurz vor Ibiza haben wir daher die Arschbacken zusammengekniffen und sind direkt weiter nach Mallorca. An dieser Stelle muss ich mal sagen das ich schwer begeistert war wie die Crew ihre erste Blauwasser und Nachtfahrt gemeistert hat. Sensationell, ein knallharter Haufen, keine Meuterei, nix. Nach insgesamt 3 Tagen und Nächten sind wir dann in Port d’Andratx eingelaufen, haben durchgeatmet, kurz Vorräte und Schlaf aufgefüllt und sind dann direkt nonstop weiter nach Menorca / Puerto de Fornells.

Für den 200sm Schlag nach Sardinien benötigt man am besten einen mäßigen Mistral. Sowohl Mistral, als auch der Transmontane können schnell mal mit Orkanstärke daherkommen. Das üben wir später. Jetzt erst mal gemäßigt bitte. Wir haben dafür den ersten Schluck eines alkoholfreien Bieres ins Meer gekippt und wurden trotzdem gehört. Wie bestellt kam der Mistral.

windy.com: Mistral. Grün ist gut, rot auch wenn man Adrenalinjunkie ist.

Und wir haben richtig Tempo gemacht. Selten unter 7 Knoten, oft über 12. Sonst gibt es auch nicht viel zu berichten. Die Sonne geht auf, sie geht unter, Schlafen, Essen, Segel anpassen. Ein schönes Leben. Man segelt, Land kommt in Sicht, man schmeißt den Anker. Herrlich.

Unser erster Ankerplatz ist die Bucht Porto Pino. Ein Traum, wie die gesamte Südküste von Sardinien. Wie aus vergangener Zeit. Keine fetten Hotels, bunte Sonnenschirme unordentlich verteilt. Statt Supermärkte gibt es Tante Emma Läden und alte Männer die im Schatten großer Platanen sitzen und diskutieren. Genauso toll die nächste Bucht, Porto Zafferano. Ein Nato-Übungsgebiet und damit tabu. Im Juli, August sind Yachten irgendwie geduldet. An den Strand soll man nicht wegen der ganzen Blindgänger (wir sind auch umgedreht, nachdem wir die Bilder mit den Totenköpfen gesehen haben).

Porto Zafferano

Der Absprung nach Sizilien ist die Bucht Campulongu bei Villasimius. Direkt hinter der Bucht gibt es eine Kolonie wilder Flamingos. Wir machen uns mittler Weise keinen großen Kopp mehr wegen ein paar hundert Seemeilen. Der Wind soll gut sein, also beschließen wir sofort bis zu den Liparischen Inseln im Osten von Sizilien zu segeln anstatt im Westen anzulanden.Unser längster Abschnitt, gute drei Tage auf See. Man merkt jetzt schon das das hier kein reiner Urlaubstörn ist, wir geben richtig Gas solange der Wind steht und es keine Corona Probleme gibt.

Leider werden uns mit dem richtigen Wind auch ein paar Gewitterzellen auf den Weg gegeben. Hier dazu der Hinweis das so ein schweres Gewitter auf See deutlich beindruckender und gewaltiger aussieht als auf der Wetterapp. Man sieht es bei Nacht schon von weitem. Ein riesiger aus Blitzen durchzuckter Turm – der auf einen zuhält. Wie es darunter aussieht wollen wir nicht wissen. Ich hab mir als Skipper sofort 10 Minuspunkte eingetragen. Merke: Bei Gewittergefahr nicht lossegeln. Wir ändern mehrfach den Kurs und mit mehr Glück als Verstand geht das Inferno vor uns durch. Ich schicke Andrea wieder in die Koje: “Ich hab’s ja gleich gewusst, wie geplant”.

Fast 4 Tage und 300 Seemeilen dauert das italienische Inselhopping. Ein Bussard(?) begleitet uns ein Stück des Wegs. Im Morgengrauen laufen wir Lipari an und sehen dicke Rauchschwaden am Horizont aus dem Ätna steigen. Später am 18. Februar 2021 wird es einen dramatischen Ausbruch geben, den haben wir leider verpasst. Wir bleiben mal wieder nur eine Nacht, da -man ahnt es- der Wind günstig steht für die Straße von Mesina.

Von Lipari schlängeln wir uns zwischen den vielen Fähren, die vom Festland nach Sizilien pendeln, durch die Straße von Messina und biegen scharf links an der Schuhsohle nach Kalabrien ab. Eine sehr schöne Küste. Einmal wollen wir auf einem Campingplatz “SchwarzWarmDuschen”, zwei tote Ratten in den Kabinen entsprechen aber nicht unseren Schnorrerstandards, also müffeln wir weiter vor uns hin. Neee, natürlich duschen wir kalt, wir haben ja ne ganz tolle Campingdusche. Wasser rein, pumpen und los gehts. Reiner Luxus.

Kalabrien

Wir stehen vor der Entscheidung wie es weitergehen soll. Die Windvorhersage für die Adria ist denkbar schlecht. Mindestens 10 Tage weht der Wind aus der Adria raus, verstärkt durch die Düse in der Straße von Otranto. Es ist klar: Wir schaffen es nicht einmal zur Ferse des Stiefels. Der einzige Kurs der irgendwie möglich ist, wäre Korfu auf der anderen Seite der Meerenge. Für Andrea ein blöde Situation, da sie irgendwann heim muss. Der Hund, der Laden, das Kind mit zwei gebrochenen Armen (ja Connor wir wissen du hast uns nicht gebraucht :)). Da wäre Korfu auch passend. Super Flugverbindung nach Wien.

Also Kurs Korfu. Immer hart am Wind damit wir nicht an der Südspitze vorbeigedrückt werden. Wir wollen nach Petriti und dann zum Flughafen nach Korfu Stadt. Da die Leserschaft diese Blogs sehr überschaubar bei 2 bis 10 Leuten liegt, kann ich hier bedenkenlos den Geheimtipp für das mit Abstand beste Restaurant der Reise abgeben. Das Limnopoula in der Bucht von Petriti. Ist sehr bekannt: “Kenn ich auch…erzähls nicht weiter”. Man bekommt nur einen Platz mit Reservierung am Vortag. Keine Touristen, nur Einheimische als wir da sind.

Die Bucht in Korfu Stadt ist genial für Fluganbindungen. Der Flughafentransfer sieht so aus: Frau und Koffer aufs SUP (Stand up paddle board), zum Uffer paddeln und 10 Minuten zu Fuss zum Terminal gehen. Der Abschied fällt mir nicht leicht. Andreas Glaube in meine Skipperfähigkeiten scheint aber ins unermessliche gestiegen zu sein (“Du machst das schon alleine. Hör auf zu zittern”) Es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass sie vor der Reise einen Profiskipper engagieren wollte (“Wer soll sonst für die sichere Überfahrt sorgen? Du??”). Ab jetzt bin ich das -der Soloprofiskipper.

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